Es gibt einen Moment, den du in keinem Reiseführer beschrieben findest. Dieser Moment ist weder nicht in Saint-Jean-Pied-de-Port, noch am Fuße der Pyrenäen, auch nicht an der Porte Saint-Jacques. Der Moment beginnt im Kopf und findet auch dort statt – lange bevor der erste Schritt getan wird. Es ist mehr eine Art leiser Unruhe, ein flirrender Punkt am Horizont des Alltags. Dieser verwandelt sich in eine Ahnung, dass das Leben aus mehr bestehen könnte als Termine, Rechnungen und der nächste Urlaub, der eigentlich wieder mal keiner ist. Der Camino Francés ist kein Wanderweg, sondern ein lebendiger, atmender Organismus. Es ist eine Art von Chronik und Gedächtnis aus Geschichte, Glauben, Schweiß und unzähligen Schicksalen. Wer seine Pfade betritt, betritt nicht nur Spanien und die Iberische Halbinsel – er betritt sich selbst und schreibt an der Chronik mit. Eine Art Mitschrift eines kollektiven Gedächtnisses, das sich über die Zeiten weitet und ausdehnt.
Die Dramaturgie des Weges folgt hierbei einem uralten Muster: Die Pyrenäen sind die Initiation – 1.450 Höhenmeter am ersten Tag, die Lungen brennen, die Oberschenkel zittern und der Wind auf dem Lepoeder-Pass pfeift dir den Namen deiner eigenen Zerbrechlichkeit ins Gesicht. Die Meseta folgt als Prüfung – und in ihrer Mitte knapp 17 Kilometer schnurgerade, manifestierte Schotterpiste bei Carrión de los Condes. Hier findest Du weder Schatten, noch Wasser. Und einen Ausweg finden zu wollen – heißt hindurch zu gehen. Hier existieren nur du, der Horizont und die Frage, ob du es wirklich willst. Dann folgt mit den Bergen von León der Wendepunkt. Beim Weiterpilgern erreichst du das Cruz de Ferro, wo seit etwas mehr als tausend Jahren Pilger ihre Steine ablegen und mit ihnen ihre Lasten, ihre Ängste und damit auch ihre Vergangenheit. Galicien präsentiert sich als die Erlösung. Eine Erlösung die den Duft von Eukalyptus mit sich tragen, wie der Pilger die Feuchtigkeit auf der Haut. Und das Gefühl, dass der Weg dich nicht mehr fordert, sondern trägt, täuscht nicht. Es ist baut sich eine Leichtigkeit auf, die Dich in Richtung zum erleuchtenden Höhepunkt fast trägt.
Das Ankommen auf der Praza do Obradoiro ist diese Zäsur und Höhepunkt, zu dem die Kathedrale von Santiago dich nicht als Heimkehrer empfängt. Das Pórtico de la Gloria, die Umarmung des Apostels, der Botafumeiro, der wie ein metaphysisches Pendel durch das Querschiff rast – all das sind nicht nur Rituale, die in Heiligen Jahren zur Sündenvergebung gehören. Sie sind vielmehr die Antworten auf Fragen, die du vor Wochen noch nicht zu stellen wusstest oder zu denken gewagt hast. Die nicht existenten Endpunkte des Camino Francés leben weiter in deinen Gedanken. Du trägst sie zudem in deinen Alltag, mit deiner veränderten Art zu sehen. Für viele ist Santiago neben dem erlösenden Höhepunkt auf dem Weg auch eine Zwischenstation auf dem Weg zum Finis Terrae – nach Muxía und Fisterra, wo man am rauen Atlantik zusieht, wie die Sonne am sprichwörtlichen Ende der Welt versinkt. Denn was für die Welt das Ende ist, wird für dich zum wahren Anfang. Und um das Ende zu erreichen, beginnt man am Anfang. Ein Anfang zum Ende und Anfang – wie ein Möbiusband des Lebens in perfekter Endlosigkeit, die nur von den Scheren im Kopf zerschnitten werden kann. Die folgenden Etappen sind dafür die geographische Richtschnur bis Santiago de Compostela.
Bist du bereit, den ersten Schritt zu tun? Denn der gelbe Pfeil wartet bereits auf dich.
¡Buen Camino!
Etappe 01 - Saint-Jean-Pied-de-Port – Roncesvalles
Etappe 02 - Roncesvalles – Zubiri
Etappe 03 - Zubiri – Pamplona
Etappe 04 - Pamplona – Puente la Reina
Etappe 05 - Puente la Reina – Estella
Etappe 06 - Estella – Los Arcos
Etappe 07 - Los Arcos – Logroño
Etappe 08 - Logroño – Nájera
Etappe 09 - Nájera – Santo Domingo de la Calzada
Etappe 10 - Santo Domingo de la Calzada – Belorado
Etappe 11 - Belorado – Agés/Atapuerca
Etappe 12 – Agés/Atapuerca – Burgos
Etappe 13 - Burgos – Hornillos del Camino
Etappe 14 - Hornillos del Camino – Castrojeriz
Etappe 15 - Castrojeriz – Frómista
Etappe 16 - Frómista – Carrión de los Condes
Etappe 17 - Carrión de los Condes – Sahagún
Etappe 18 - Sahagún – Mansilla de las Mulas
Etappe 19 - Mansilla de las Mulas – León
Etappe 20 - León – San Martín del Camino
Etappe 21 - San Martín del Camino – Astorga
Etappe 22 - Astorga – Rabanal del Camino
Etappe 23 - Rabanal del Camino – Ponferrada
Etappe 24 - Ponferrada – Villafranca del Bierzo
Etappe 25 - Villafranca del Bierzo – O Cebreiro
Etappe 26 - O Cebreiro – Triacastela
Etappe 27 - Triacastela – Sarria
Etappe 28 - Sarria – Portomarín
Etappe 29 - Portomarín – Palas de Rei
Etappe 30 - Palas de Rei – Arzúa
Etappe 31 - Arzúa – O Pedrouzo (Arca)