Ein neuer Etappentag – Einstieg in die Etappe
Der Morgen in Pamplona beginnt mit einer fast feierlichen Schwere, während die Stadt langsam ihre nächtliche Maske der „Sanfermines“ ablegt und in die kühle, klare Stille des navarresischen Hochlandes eintaucht. Wenn du die schweren Holztore deiner Herberge in der Altstadt hinter dir schließt, liegt über der Plaza del Castillo oft noch ein feiner, silbriger Nebel, der die massiven Granitfassaden der Paläste einhüllt und die Geräusche der ersten Stadtreinigung dämpft. Die Luft ist scharf, geschwängert von der Feuchtigkeit der nahen Pyrenäenausläufer und dem fernen, bereits vertrauten Duft von röstfrischem Kaffee, der aus den noch halb geschlossenen Türen der „Café Iruña“ weht. Es ist ein ritueller Auszug. Während deine Wanderstiefel rhythmisch auf dem glattpolierten Kopfsteinpflaster der Rúa de Curia klacken, spürst du den Übergang: Die urbane Geborgenheit Pamplonas weicht der ernsthaften Entschlossenheit für die kommenden 24 Kilometer. Dein Blick wandert nach Südwesten, wo die Sierra del Perdón wie ein steinerner Riegel am Horizont wacht, bereit, den Pilger heute einer seiner ersten großen physischen Prüfungen zu unterziehen.
Der Schritt aus der Stadt hinaus führt dich unweigerlich durch die monumentalen Befestigungsanlagen, vorbei an den schweigenden Bastionen, während das rhythmische Klacken deiner Wanderstiefe auf dem Asphalt der Vororte wie ein Metronom wirkt, das dich aus der Trance der Stadt zieht. Du verlässt das Erbe Hemingways und trittst hinaus in die offene Agrarlandschaft des Valdizarbe. Die Luft wird schlagartig schärfer, klarer und trägt bereits den staubigen, herben Duft der fernen Getreidefelder und ersten Olivenhaine mit sich. Ein leichtes Kribbeln in deinen Fingerspitzen – eine Mischung aus Ehrfurcht vor der Silhouette des Perdón und der Neugier auf die geometrische Mystik von Eunate – begleitet dich, während du beobachtest, wie die Türme der Kathedrale hinter dir im Morgendunst verschwimmen. Heute ist der Tag der Vergebung und des Windes. Du spürst das Gewicht deines Rucksacks, der sich nun wie ein Teil deines eigenen Skeletts anfühlt, und bereitest dich mental auf einen Aufstieg vor, der nicht nur deine Lungen, sondern auch dein inneres Gleichgewicht fordern wird.
Strecke und Höhenprofil
Distanz: 24,0 km
Höhenmeter: ↑ 450 m / ↓ 530 m
Schwierigkeit: Mittel. Während der Aufstieg stetig und bewältigbar ist, stellt der technisch anspruchsvolle Abstieg vom Alto del Perdón auf losem Geröll eine echte Belastungsprobe für Knie und Konzentration dar.
Besonderheiten: Langwieriger urbaner Auszug aus Pamplona, stetiger Anstieg zum Windpark am Alto del Perdón, steiler und steiniger Abstieg, gefolgt von der idyllischen Passage durch Obanos bis zur monumentalen Brücke von Puente la Reina.
Die heutige Strecke ist eine dramaturgische Komposition aus urbaner Linearität und archaischer Naturkraft. Nachdem wir die geschützten Gassen von Pamplona verlassen haben, führt der Weg zunächst über den Campus der Universität und durch die funktionalen Vororte Cizur Menor und Zariquiegui. Hier ist der Boden fest, oft asphaltiert, was die Gelenke in der Morgenkühle fordert. Das Höhenprofil zeigt hier eine sachte, aber unaufhörliche Aufwärtskurve. Es ist die Phase der Vorbereitung, in der die Beine ihren Rhythmus finden müssen, während die Landschaft um uns herum immer karger und exponierter wird.
Der Scheitelpunkt wird am Alto del Perdón auf knapp 770 Metern erreicht. Hier oben übernimmt der Wind das Regiment, und das Gelände wechselt radikal von landwirtschaftlichen Pfaden zu einer exponierten Gratwanderung zwischen riesigen Windkraftanlagen. Der anschließende Abstieg ist das wohl berüchtigtste Stück der Etappe: Auf einer kurzen Distanz stürzt der Weg förmlich hinab in das Tal. Der Untergrund aus unebenen, losen Kalksteinen und rutschigem Schotter verlangt höchste Aufmerksamkeit. Danach beruhigt sich die Topografie. Der Weg führt durch die sanften Wellen des Valdizarbe, vorbei an kleinen Dörfern wie Uterga und Muruzábal, bis er schließlich in der Senke von Puente la Reina mündet. Es ist eine Etappe, die den Fokus schult – vom weiten Blick in die Unendlichkeit oben am Grat bis zum präzisen Blick für den nächsten sicheren Tritt im Geröll.
Varianten und kleine Abzweigungen
Auf dieser Etappe bietet der Jakobsweg eine der spirituell bedeutendsten Varianten des gesamten Camino Francés. Kurz hinter Muruzábal steht der Pilger vor einer Entscheidung, die den Charakter des Nachmittags maßgeblich beeinflusst. Die offizielle Hauptroute führt direkt nach Obanos, einem geschäftigen und historisch wichtigen Knotenpunkt. Wer jedoch die Einsamkeit und die architektonische Mystik sucht, sollte zwingend die Abzweigung nach Santa María de Eunate wählen. Diese Variante verlängert den Weg um etwa drei Kilometer, führt aber durch die stille Weite der Felder zu einer der rätselhaftesten romanischen Kirchen Spaniens. Der achteckige Bau, umgeben von einem freistehenden Arkadengang, strahlt eine Energie aus, die fernab des touristischen Trubels liegt.
Eine weitere, oft übersehene kleine Abzweigung ergibt sich unmittelbar in Pamplona beim Verlassen der Zitadelle. Anstatt starr den gelben Pfeilen durch die modernen Wohngebiete zu folgen, lohnt es sich, einen Moment in den Gräben der Stadtbefestigung zu verweilen. Diese kurzen, oft nur hundert Meter langen Schlenker ermöglichen es, die gewaltigen Dimensionen der Militärarchitektur Pamplonas noch einmal aus der Froschperspektive zu spüren, bevor man sich endgültig der horizontalen Welt der Felder ausliefert. In Obanos selbst trifft schließlich der Camino Aragonés auf unseren Weg. Hier wird das Bewusstsein geschärft, dass man nun Teil eines noch größeren Stroms ist. Die Wahl der Eunate-Variante ist eine Entscheidung für die Introspektion, während der direkte Weg über Obanos die historische Kausalität der Wegevereinigung zelebriert.
Beschreibung des Weges – mit allen Sinnen
Der Weg aus Pamplona heraus beginnt mit einem haptischen Erlebnis der Härte. Der Übergang vom Kopfsteinpflaster der Altstadt zum Asphalt der Vororte ist ein sensorischer Bruch. Du spürst die unnachgiebige Kälte des Betons unter deinen Sohlen, während du den Campus der Universität durchquerst. Die Akustik ist hier geprägt von den Geräuschen der erwachenden Stadt – das ferne Rauschen des Verkehrs vermischt sich mit dem rhythmischen Klacken deiner Stöcke. In Cizur Menor verändert sich die Atmosphäre subtil. Wenn du an der romanischen Kirche des Malteserordens vorbeiwanderst, spürst du die erste kühle Brise, die von den Bergen herabweht. Der Geruch von frisch gemähtem Gras und die mineralische Note von feuchtem Asphalt begleiten dich, während der Weg beginnt, sich stetig in die Hügel zu schrauben.
Sobald du Zariquiegui erreichst, wird die historische Kausalität stofflich greifbar. Die massiven Steinhäuser mit ihren Familienwappen scheinen die Hitze des Tages bereits vorab zu speichern. Wenn du deine Hand auf die rauen Mauern der Kirche San Andrés legst, spürst du die jahrhundertelange Beständigkeit. Der Geruch in Zariquiegui ist erdig und süßlich – ein Bukett aus trockenem Heu, wildem Thymian und dem fernen Duft von Schafställen. Die Akustik verdichtet sich zu einem auditiven Phänomen: Das leise Pfeifen des Windes in den Telefondrähten wird lauter und kündigt die herannahende Sierra an. Der Aufstieg hinter dem Dorf ist ein haptisches Erlebnis der Anstrengung; deine Waden brennen, dein Atem wird flacher, und der Geschmack von salzigem Schweiß liegt auf deinen Lippen.
Oben auf dem Grat des Alto del Perdón erreicht die fünfdimensionale Immersion ihren ersten Höhepunkt. Plötzlich bricht der Wind mit einer unheimlichen Kraft über dich herein. Du hörst das unheimliche, rhythmische „Wusch-Wusch“ der riesigen Rotoren der Windkraftanlagen, ein technologisches Bassgrollen, das in krassem Kontrast zur Stille der Berge steht. Hier oben ist der Wind nicht nur eine Brise, er ist ein taktiler Akteur, der an deiner Kleidung zerrt und den Schweiß auf deiner Stirn sofort kühlt. Das visuelle Spektakel der Metallskulptur „Monument an die Pilger“ ist überwältigend. Du siehst die pilgernden Silhouetten aus Eisen, in deren Oberflächen sich der Rost und die Zeit eingegraben haben. Deine Finger streichen über das kalte Metall der Figuren, und du spürst die Verbindung zu den Millionen, die „wo der Weg des Windes den der Sterne kreuzt“, genau hier innehielten.
Der Abstieg vom Perdón ist eine haptische Zerreißprobe für deine Sinne. Der Boden unter dir ist unruhig, tückisch und voller Leben. Kleine Steine rutschen unter deinen Schritten weg, das Geräusch ist ein ständiges, trockenes Knirschen und Mahlen. Du spürst den Druck in deinen Zehenspitzen und das Zittern deiner Kniegelenke, während dein ganzer Körper als Stoßdämpfer fungiert. Der Geruch von heißem Kalkstein und trockenem Staub steigt in deine Nase und mischt sich mit dem Aroma von wildem Rosmarin, der an den Hängen in der Sonne glüht. Deine Augen fixieren nur noch den nächsten halben Meter, während die psychologische Erleichterung beim Erreichen des flacheren Geländes bei Uterga wie ein emotionaler Dammbruch wirkt.
In Uterga empfängt dich die Architektur der Geborgenheit. Die Gassen sind eng und schattig, die Luft hier unten ist schwerer und wärmer als am Grat. Du hörst das ferne Bellen eines Hundes und das Klappern von Geschirr in den Bars am Wegesrand. Der Geruch verändert sich von mineralisch-karg zu kulinarisch-einladend: Ein Hauch von Knoblauch und Olivenöl weht aus den Küchen. In Muruzábal spürst du die historische Dichte der Paläste; die haptische Erfahrung des glattpolierten Holzes der Kirchentüren bietet einen willkommenen Kontrast zum rauen Stein des Passes. Wenn du dich für die Variante nach Eunate entscheidest, wird die Akustik plötzlich minimalistisch. Die Zivilisation tritt zurück, und was bleibt, ist das Rascheln der Getreidehalme im Wind – ein papiernes, trockenes Geräusch, das dich bis zur geheimnisvollen Kapelle begleitet.
Santa María de Eunate ist eine fünfdimensionale Offenbarung. Du trittst aus der flirrenden Hitze der Felder in den kühlen Arkadengang. Hier riecht es nach feuchtem Kalk, altem Staub und einer unerklärlichen spirituellen Frische. Die Akustik im Inneren des Achtecks ist konzentriert; die Stille scheint hier eine eigene Masse zu besitzen. Du legst deine Hand auf die ungewöhnlichen Säulenkapitelle, und die Kühle des Steins wandert direkt in dein Herz. Die psychologische Metamorphose ist hier fast greifbar: Die Hektik des Morgens und der Schmerz des Abstiegs lösen sich in einer tiefen, geometrischen Ruhe auf. Es ist ein Ort außerhalb der Zeit, an dem die historische Kausalität der Tempelritter oder geheimer Bruderschaften in jedem Stein mitschwingt.
Der Weg nach Obanos führt dich zurück in die Welt der Menschen. Du hörst das vielstimmige Gemurmel der Pilger, die hier vom Camino Aragonés dazustoßen. Obanos riecht nach Aufbruch und Zusammenkunft. Die Architektur ist stolz, fast schon städtisch. Der Boden unter deinen Füßen ist nun wieder fester Lehm, der deine Schritte sanft federt. Die haptische Erfahrung der massiven Steinbögen in der Stadtmitte erinnert dich daran, dass du dich dem Ende der heutigen Etappe näherst. Dein Körper trägt nun die Erschöpfung des Tages wie eine Ehrenmedaille, während dein Geist die Eindrücke der Sierra und der Kapelle sortiert.
Die Annäherung an Puente la Reina ist ein visuelles Crescendo. Du siehst die monumentale Statue des Jakobus, die dich am Stadteingang begrüßt. Der Geruch verändert sich erneut: Er wird feuchter, lebendiger, kündigt den Fluss Arga an. Die akustische Kulisse Pamplonas scheint nun meilenweit entfernt, ersetzt durch das konzentrierte Leben einer mittelalterlichen Kleinstadt. Wenn du die Calle Mayor betrittst, verengt sich dein Sichtfeld auf die prächtigen Fassaden und die dunklen Hauseingänge. Du spürst die plötzliche Kühle der Schatten, die dir wie eine Umarmung vorkommt.
Wenn du schließlich vor der romanischen Brücke stehst, erreicht die sensorische Immersion ihren krönenden Abschluss. Du spürst das massive, glatte Geländer unter deinen Händen, das von Millionen Pilgerhänden über Jahrhunderte glattpoliert wurde. Unter dir hörst du das tiefe, stetige Gurgeln des Arga, ein Bassrauschen, das alle Erschöpfung wegzuspülen scheint. Der Geruch von Flusswasser, Algen und feuchtem Stein liegt in der Luft. Du fühlst dich staubig, schwer und gleichzeitig unendlich leicht. Die Ankunft ist kein bloßes Ende einer Wanderung; es ist das Eintreten in eine historische Kontinuität, in der die Brücke der Königin als unerschütterlicher Anker dient.
Die Reflexion am Abend, während du in einer der Herbergen am Fluss sitzt, ist geprägt von einer tiefen Dankbarkeit. Dein Körper ist müde, deine Knie pochen noch von den Kalksteinen des Perdón, aber dein Geist ist so weit wie das Valdizarbe. Die 24 Kilometer haben dich gefiltert, sie haben alles Unnötige weggewaschen und Platz gemacht für die Stille der Steine und die Kraft des Windes. Du erkennst, dass der Abstieg schwerer war als der Aufstieg, und dass wahre Vergebung oft darin liegt, die eigenen physischen Grenzen zu akzeptieren. In der Kühle der Nacht, wenn das Rauschen des Arga dich in den Schlaf wiegt, wird dir bewusst: Der Weg hat dich heute tiefer in sich aufgenommen.
Zwischenorte & Besondernheiten
Cizur Menor – Dieser Vorort von Pamplona ist weit mehr als nur ein Durchgangsort. Er beherbergt die Kirche San Juan de Jerusalén, ein beeindruckendes romanisches Bauwerk des Malteserordens. Die Architektur ist wehrhaft und schlicht, geprägt von massiven Stützpfeilern und einer fast klösterlichen Ruhe. Für den Pilger ist Cizur Menor der Ort der ersten kleinen Rast, an dem man den urbanen Puls Pamplonas endgültig hinter sich lässt und in die ländliche Struktur Navarras eintaucht. Besonders bemerkenswert ist die Atmosphäre der Herberge des Malteserordens, die bis heute den Geist ritterlicher Fürsorge atmet.
Zariquiegui – Das letzte Dorf vor dem Aufstieg zum Perdón wirkt wie ein steinerner Wächter am Berghang. Besonders sehenswert ist die Pfarrkirche San Andrés mit ihrem prächtigen romanischen Portal. In Zariquiegui spürt man die Nähe der Berge; die Architektur wird robuster, die Luft klarer. Der Ort ist bekannt für seine hervorragenden Brunnen, die Pilgern die letzte Erfrischung vor dem exponierten Gipfelgrat bieten. Wer hier durch die engen Gassen wandert, spürt die historische Last des Weges, der sich unmittelbar hinter den Häusern steil nach oben windet.
Alto del Perdón – Dies ist der geografische und emotionale Höhepunkt der Etappe. Die Sierra del Perdón (770 m) bietet einen 360-Grad-Panoramablick: Zurück nach Pamplona und den Pyrenäen, voraus in die unendlichen Ebenen Navarras und Kastiliens. Die absolute Besonderheit ist das eiserne Pilgerdenkmal von Vicente Galbete. Die Inschrift „Donde se cruza el camino del viento con el de las estrellas“ (Wo sich der Weg des Windes mit dem der Sterne kreuzt) ist eine der meistzitierten des Jakobsweges. Die riesigen Windkraftanlagen auf dem Grat verleihen dem Ort eine fast surreale, futuristische Note, die mit der archaischen Skulpturengruppe in einen spannungsvollen Dialog tritt.
Santa María de Eunate – Ein architektonisches Enigma inmitten einsamer Felder. Diese romanische Kirche aus dem 12. Jahrhundert besitzt einen achteckigen Grundriss, was sie in enge Verbindung zum Tempelritterorden oder zum Orden des Heiligen Grabes stellt. Die Besonderheit ist der sie umgebende Arkadengang, dessen Zweck bis heute nicht eindeutig geklärt ist – war es ein Wandelgang für Kranke oder ein symbolisches Atrium? Die schlichte Schönheit des Inneren und die absolute Ruhe des Ortes machen Eunate zu einem der spirituellsten Fixpunkte des gesamten Weges. Es ist ein Ort der Geometrie und der Stille, der jeden Pilger tief berührt.
Obanos – Hier treffen sich die Fäden des Jakobsweges: Der Camino Francés (von Roncesvalles) und der Camino Aragonés (vom Somport-Pass) vereinigen sich auf der Plaza von Obanos. Das Dorf ist ein geschichtsträchtiges Monument navarresischer Autonomie. Die gotische Kirche San Juan Bautista dominiert das Ortsbild. Eine lokale Besonderheit ist das Mysterienspiel von Obanos, das die Legende von San Guillén und Santa Felicia feiert. Der Ort strahlt eine bürgerliche Solidität aus, die ihn deutlich von den kleineren Dörfern der Etappe abhebt.
Puente la Reina (Gares) – Die „Brücke der Königin“ ist ein städtebauliches Gesamtkunstwerk. Das Dorf wurde im 11. Jahrhundert von Königin Mayor (oder Estefanía) gegründet, um den Pilgerstrom über den Arga zu lenken. Das absolute Highlight ist die sechs-bogige romanische Brücke, die als eine der schönsten des gesamten Camino gilt. Die Calle Mayor mit ihren herrschaftlichen Häusern und die Kirche Santiago mit ihrem beeindruckenden maurisch beeinflussten Portal machen den Ort zu einer Schatztruhe des Mittelalters. Puente la Reina ist der Inbegriff der Jakobsweg-Infrastruktur – eine Stadt, die nur existiert, weil es den Weg gibt.
Einkehr, Übernachtung & Versorgung
Die Versorgungslage auf dieser Etappe ist hervorragend, was die physische Anstrengung der Sierra etwas abmildert. In fast jedem der passierten Dörfer finden sich strategisch günstig gelegene Bars, die sich auf das Pilgerfrühstück spezialisiert haben.
Gastronomie: In Zariquiegui sollte man unbedingt noch einmal die Wasservorräte auffüllen. In Muruzábal und Uterga bieten die Bars rustikale navarresische Hausmannskost an – probiere hier unbedingt das „Chorizo a la Sidra“. In Puente la Reina locken die zahlreichen Bäckereien mit den berühmten „Garroticos“ (Schokoladencroissants).
Übernachtung: In Puente la Reina ist die Auswahl an Unterkünften immens. Die Albergue de los Padres Reparadores ist eine der traditionsreichsten und bietet Platz für hunderte Pilger. Wer es privater und komfortabler mag, findet in der Albergue Jakue moderne Zimmer und eine hervorragende Gastronomie. Für eine wirklich spirituelle Übernachtung empfiehlt sich – sofern Kapazitäten frei sind – die einfache Unterkunft direkt in Santa María de Eunate.
Öffentliche Einrichtungen: Puente la Reina bietet als regionales Zentrum alle Annehmlichkeiten: Apotheken, Bankautomaten, einen kleinen Supermarkt und ein Gesundheitszentrum.
Das Besondere heute
Das absolute Alleinstellungsmerkmal dieser Etappe ist die Erfahrung der „Vergebung“ am Alto del Perdón. Im Mittelalter war dieser Pass ein Ort der rituellen Reinigung. Die physische Anstrengung des Aufstiegs wurde als Form der Buße begriffen, und wer den Grat erreichte und den Wind der Freiheit spürte, galt als von seinen Sünden „losgesprochen“. Das Besondere heute ist die psychologische Wirkung dieses Ortes: Wenn du vor dem Monument der Pilger stehst und der Wind deine Gedanken wegfegt, spürst du eine Form der mentalen Entlastung. Es ist der Punkt, an dem viele Pilger zum ersten Mal wirklich „auf dem Weg ankommen“. Die Skulpturengruppe zeigt Pilger aus verschiedenen Epochen – ein ritueller Anker in der Unendlichkeit der Zeit.
Ein zweiter besonderer Aspekt ist die geometrische Mystik von Santa María de Eunate. In einer Welt der rechteckigen Kirchenbauten ist das Achteck von Eunate ein radikaler Ausbruch. Das Besondere ist heute die sensorische Qualität des Ortes: Wenn man im Schatten des Arkadengangs sitzt und die Vögel in den Kapitellen nisten sieht, spürt man eine Verbindung zur sakralen Geometrie des Mittelalters. Es ist ein Ort der „Wunder“, nicht im Sinne von Zauberei, sondern im Sinne von tiefem Staunen über die Harmonie zwischen Architektur und Landschaft. Eunate lehrt den Pilger, dass der Weg manchmal einen Umweg verlangt, um das Wesentliche zu finden.
Schließlich ist das Thema der Vereinigung in Obanos und Puente la Reina hervorzuheben. Dass hier zwei gewaltige Ströme europäischer Kultur – der aragonische und der navarresische – zusammenfließen, verleiht der Etappe eine historische Kausalität von enormer Tragweite. Das Besondere heute ist das Bewusstsein der Vielfalt: Man trifft plötzlich auf neue Gesichter, hört neue Geschichten von Pilgern, die vom Somport kommen. Puente la Reina ist das Symbol dieser Vereinigung. Die Brücke ist nicht nur ein Flussübergang, sie ist das steinerne Siegel der europäischen Verbundenheit auf dem Jakobsweg. Hier wird aus vielen Wegen ein einziger Pfad.
Reflexion am Etappenende
Wenn du am Abend durch die Calle Mayor von Puente la Reina spazierst, während das warme Licht der Straßenlaternen die dunklen Toreingänge beleuchtet, tritt eine seltsame Form der Klarheit ein. Du merkst, wie sich deine Wahrnehmung in den letzten 24 Kilometern geschärft hat. Der Lärm von Pamplona ist nun nur noch eine ferne Erinnerung, ein notwendiger Lärmpegel, der die Stille des Arga erst hörbar gemacht hat. In der Ruhe der Abendstunden, umgeben von der majestätischen Architektur, wird dir bewusst, dass du heute eine Prüfung der Sinne bestanden hast. Der Wind des Perdón hat deinen Geist gefiltert und alles Unnötige weggewaschen.
Puente la Reina ist ein Ort des Innehaltens und der Belohnung. Hier, im Schatten der gewaltigen Steinbögen, relativiert sich die Anstrengung des Tages. Du erkennst, dass der Jakobsweg heute eine Reise durch die Schichten der Geschichte war – von der militärischen Strenge der Malteser bis zur gütigen Gebärde der Königin. In der Reflexion des Tages wird dir klar, dass die Brücke nicht nur ein Bauwerk ist, sondern ein Spiegel deiner eigenen Reise: Mühsam erkämpft über steinige Pfade, genau wie dein eigener Erkenntnisweg aus tausenden von kleinen Widerständen besteht. Du bist bereit für das, was kommt, denn heute hast du gelernt, dass wahre Vergebung oft dort wartet, wo die Wege zusammenfließen.
Camino der Sterne
Diese Etappe liegt auf dem Camino Francés, auf der Etappe von Pamplona bis Puente la Reina. Die Abfolge der Orte lautet:
| Etappe | Start | Ziel | Distanz (km) | Höhenmeter | Schwierigkeit | Zwischenorte |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 04 | Pamplona | Puente la Reina | 24,0 | ↑ 450 / ↓ 530 | mittel | Cizur Menor → Zariquiegui → Alto del Perdón → Uterga → Muruzábal → Obanos |
Hast du den Moment gespürt, als der Wind des Perdón deine Zweifel weggeweht hat, oder hast du deine eigene Geschichte in der Geometrie von Eunate gefunden? Welches Gesicht hatte deine „Vergebung“, als du die Brücke der Königin betreten hast? Teile deinen Moment der Transformation mit uns – deine Erfahrung ist ein weiterer Stern am Himmel der Pilgergemeinschaft.