Sei mir gegrüßt – von wo immer Du Deinen Weg hierher gefunden hast,
du bist hier, weil der Weg dich gerufen hat. Wie unzählige Menschen vor dir heute und aus vergangenen Zeiten, kommst du vielleicht mit einem gut geschnürten Rucksack voller Hoffnungen und Erwartungen, auf der Suche nach Spiritualität, einer Auszeit vom Alltag, dem erleuchtenden Höhepunkt in der Kathedrale von Santiago de Compostela oder dem mythischen Ende der Welt. Sei auf dieser Plattform und dem Camino, nebst den von ihm durchzogenen Provinzen, von Herzen willkommen!
Bevor du jedoch den ersten Schritt tust und den berühmten gelben Pfeilen folgst, fühle dich eingeladen, für einen kurzen Moment innezuhalten und Vorauszublicken. Es ist heute verlockend einfach, den Jakobsweg als eine fertige, vorbereitete Kulisse zu betrachten. Oft wird uns eine romantische Reise durch sanfte Landschaften verkauft – ein Bild, das enthusiastische Intellektuelle im 19. Jahrhundert poetisch, aber eben auch schon stark verklärt, für uns erschaffen haben. Das alte „Jakobsland“, wie die Wikinger es nannten, war von Beschwernissen erfüllt. Die moderne Welt hingegen macht es uns einfach, sich als reiner Kulturbesucher treiben zu lassen und die Geschichte, sowie die Legenden und die gelben Pfeile, bloß zu konsumieren.
Aber die Iberische Halbinsel, von wo aus Du im Normalfall, an einem der Punkte, startest, sowie deren Provinzen und im Detail am Ende Galicien und der Camino sind so viel reicher, rauer und echter als jede touristische Broschüre es je fassen könnte. Die alten Steine, auf die du treten wirst, sind stumme Zeugen einer bewegten, oft ungemütlichen, aber tief faszinierenden Vergangenheit. Sie flüstern von nordischen Kriegern, die diese Küsten einst ehrfürchtig “Jakobsland” nannten, von machtbewussten Bischöfen, die ihre Herde nicht nur mit dem Kreuz, sondern auch mit der Armbrust verteidigten, und von einfachen, mutigen Bauern, die unter der Willkür herrschsüchtiger Feudalherren litten.
Wenn dir die Menschen hier heute mit ihrer feinen, manchmal undurchdringlichen Ironie – die in Galicien Retranca genannt wird – begegnen, dann ist das kein bloßer Wesenszug. Du blickst in diesem Moment auf eine meisterhafte, über Jahrhunderte gewachsene Überlebensstrategie der stillen Resistenz starker Völker, unter denen für mich persönlich, der ich hier lebe, ein starkes Volk heraussticht – die Galicier.
Fühle Dich eingeladen, auf deiner Reise hinter den feinen Nebel von Historie, Geschichten, Mythen und Legenden zu blicken. Denn Pilgerschaft bedeutet mehr, als nur Kilometer abzuarbeiten. Sie bedeutet, die ehrliche Tradition der Hospitalität wertzuschätzen und zu ehren: als Teil einer Bruderschaft des Gebens und Empfangens, die auf einem einfachen, ungeschriebenen Gesetz beruht: „Der Tourist fordert, der Pilger dankt“.
Auch wenn so manches bedeutungsvolle Ritual der Vergangenheit – wie das ehrfürchtige Berühren des Mittelpfostens im Pórtico de la Gloria – heute zum Schutz der Kunstwerke hinter Absperrungen ruhen muss: Der eigentliche Ritus, die innere und spirituelle Verbindung mit all den Millionen Menschen, die vor dir diesen Weg gingen, bleibt lebendig. Man muss die wahre Geschichte nur kennen, um sie fühlen zu können. Dazu braucht es keine körperliche Berührung – es braucht einen offenen Geist, der willens ist dies wie einen lebensspendenden Odem zu atmen.
Geh diesen Weg mit einem offenen Herzen und einem wachen Geist. Und lass uns gemeinsam die Geschichte nicht in einer milchigen Suppe der Romantik verklären, sondern aus ihr lernen. Tritt ein in diese Welt, rüste dich hier mit den Perspektiven, die im Verborgenen liegen, und dann mache dich auf den Weg. Einen Weg, den Du mit Anderen gehen kannst, aber dennoch nur für Dich alleine. Denn Jeder geht seinen Weg. Und für Jeden birgt der Weg die eigene Wahrheit zu finden. Lass Dich nicht von denen beirren, die meinen Andere pilgern falsch. Jeder pilgert gemäß seines persönlichen Wissens und Gewissens. Wie Dante Alighieri vor Jahrhunderten schon sagte:
„Pilger – geh Deinen Weg und lass die Leute reden!“
Buen Camino!
Steffen aka Investigasteve