Ein neuer Etappentag – Einstieg in die Etappe
Der Morgen in Triacastela bricht mit einer fast sakralen Stille an, die nur durch das ferne, stete Gurgeln des Rio Ouribio unterbrochen wird. Wenn du aus deiner Unterkunft trittst, hängen die Nebelschwaden oft so tief in dem schmalen Tal, dass die umliegenden Kalksteinfelsen des Monte Oribio wie schwebende Inseln in einem grauen Meer wirken. Es ist ein kühler, feuchter Aufbruch, der die Sinne sofort schärft. Die Luft in Triacastela, dem „Ort der drei Burgen“, schmeckt nach nassem Granit, verbranntem Eichenholz und dem Versprechen eines Tages, der dich vor eine der bedeutendsten Entscheidungen deines Weges stellen wird. Du spürst die Glätte der Steine unter deinen Sohlen, jener Steine, die schon seit dem 9. Jahrhundert die Last von Millionen Pilgern tragen. Psychologisch markiert dieser Moment eine Phase der Sammlung; du stehst am Nadelöhr Galiciens, dem Punkt, an dem sich die Wege teilen, um sich erst kurz vor Sarria wieder zu vereinen. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, der letzte Tag der relativen Abgeschiedenheit, bevor du in das logistische Epizentrum der letzten 100 Kilometer eintauchst.
Während du durch die schmalen Gassen zum Ortsausgang schreitest, spürst du die historische Kausalität dieses Ortes. Hier in Triacastela nahmen die Pilger des Mittelalters Kalksteine aus den nahegelegenen Steinbrüchen mit, um sie hunderte Kilometer weit bis nach Castañeda zu tragen, wo sie in Kalköfen für den Bau der Kathedrale von Santiago gebrannt wurden. Diese haptische Verbindung zur physischen Entstehung des Ziels verleiht deinem Aufbruch eine tiefe Erdung. Du riechst das Aroma von frischem Brot aus den ersten öffnenden Bäckereien, ein warmer, erdiger Duft, der im krassen Kontrast zur kalten Morgenluft steht. Deine Gedanken kreisen um die bevorstehende Gabelung: Wählst du die kürzere, naturverbundene Route über San Xil oder den geschichtsträchtigen Umweg über das monumentale Kloster von Samos? Es ist eine Entscheidung zwischen der reinen Immersion in die galicische Waldwelt und der kulturellen Tiefe eines der ältesten Klöster des Abendlandes. In diesem Moment der Unschlüssigkeit wird dir bewusst, dass der Weg nicht nur aus Schritten besteht, sondern aus der Freiheit, die eigene Geschichte in jedem Augenblick neu zu definieren.
Strecke und Höhenprofil
Distanz: Variante A (San Xil): 18,3 km | Variante B (Samos): 24,7 km
Höhenmeter: San Xil: ↑ 350 m / ↓ 430 m | Samos: ↑ 250 m / ↓ 380 m
Schwierigkeit: Mittel. Während San Xil durch einen knackigen Anstieg zu Beginn fordert, ist die Samos-Variante durch die zusätzliche Distanz eine Herausforderung für die Ausdauer.
Besonderheiten: Die dramatische Gabelung am Ortsausgang von Triacastela, die uralten „Corredoiras“ auf der San-Xil-Route und die monumentale Präsenz des Klosters Samos im Tal des Ouribio.
Die heutige Topografie ist ein Spiegelbild der galicischen Vielseitigkeit. Wer sich für die Route über San Xil entscheidet, wird sofort mit einem stetigen Aufstieg konfrontiert, der die Lungen fordert und den Körper schnell auf Betriebstemperatur bringt. Der Pfad schraubt sich aus dem Talboden empor und führt über schmale, oft von Wurzeln durchzogene Waldwege. Das Profil ist geprägt von einem intensiven Auf und Ab, dem typischen galicischen Wellengang, der keine konstante Geschwindigkeit zulässt. Der Untergrund ist hier oft weich, bedeckt mit einer Schicht aus Kastanienblättern und Moos, was das Gehen zu einer haptisch angenehmen, federnden Erfahrung macht, solange es trocken bleibt. Bei Regen verwandeln sich diese Pfade jedoch in kleine Bachläufe, die volle Konzentration und Trittsicherheit verlangen.
Die Variante über Samos hingegen folgt weitgehend dem natürlichen Lauf des Flusses. Das Höhenprofil ist hier deutlich sanfter, aber die Distanz ist der entscheidende Faktor. Der Weg windet sich durch schattige Täler, in denen die Feuchtigkeit des Flusses eine fast tropische Üppigkeit der Vegetation erzeugt. Der Belag wechselt häufig zwischen asphaltierten Nebenstraßen, die in der Sonne die Wärme reflektieren, und schmalen Pfaden entlang der Uferböschung. Der Abstieg nach Sarria ist für beide Varianten identisch und führt über sanfte Hügelketten, die den Blick auf das städtische Becken freigeben. Es ist eine Etappe, die physisch moderat ist, aber durch die ständigen Reizwechsel zwischen Waldschatten und exponierten Freiflächen eine kontinuierliche Anpassung der Sinne erfordert.
Varianten und kleine Abzweigungen
Die zentrale Gabelung am Ortsausgang von Triacastela ist der navigatorische Fixpunkt des Tages. Hier trennen sich die Pilgerströme: Ein gelber Pfeil weist nach rechts (San Xil), der andere nach links (Samos). Diese Aufspaltung hat eine tiefe psychologische Wirkung; man sieht Freunde und Weggefährten der letzten Wochen in unterschiedliche Richtungen verschwinden, ein Symbol für die Individualität jeder Pilgerreise. Die San-Xil-Route gilt als die „natürlichere“, da sie die Zivilisation weitgehend meidet und durch eine fast archaische Waldlandschaft führt. Sie ist die Wahl für jene, die die Stille suchen und sich vor dem Trubel in Sarria noch einmal ganz in der galicischen Natur verlieren wollen.
Die Samos-Variante hingegen ist ein kulturelles Muss. Das Kloster Samos (Monasterio de San Julián de Samos) ist ein kolossales Bauwerk, dessen Gründung bis in das 6. Jahrhundert zurückreicht. Die Entscheidung für diesen Umweg von etwa 6,5 Kilometern ist eine Hommage an die jahrhundertelange klösterliche Tradition des Jakobsweges. In Samos selbst gibt es kleine Abzweigungen zum Ufer des Rio Ouribio, wo man unter uralten Weiden rasten kann. Kurz vor Sarria, im Weiler Aguiada, führen beide Wege schließlich wieder zusammen. Ab diesem Punkt ist die Route alternativlos und steuert unaufhaltsam auf das urbane Zentrum von Sarria zu, wobei die Dichte an Markierungen und Hinweisschildern merklich zunimmt, was das Ende der heutigen Einsamkeit ankündigt.
Beschreibung des Weges – mit allen Sinnen
San Xil – Wenn du dich für die Route über San Xil entscheidest, beginnt dein Tag mit einer haptischen Herausforderung. Der Boden unter deinen Füßen ist steil und fordernd, während du Triacastela hinter dir lässt. Du hörst das rhythmische Keuchen deiner Mitpilger und das ferne Rauschen des Windes in den Baumkronen der Eichen. Die Luft hier oben ist dünner, klarer und schmeckt nach Freiheit. In San Xil angekommen, betrittst du eine Welt, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Die Häuser sind aus massivem, dunklem Schiefer gebaut, deren Dächer im Morgenlicht wie Fischschuppen glänzen. Der Geruch von feuchtem Farn und frischem Kuhmist ist allgegenwärtig – ein erdiger, ehrlicher Duft, der das ländliche Galicien definiert. Du spürst die Wärme der Sonne auf deiner Haut, wenn du die Waldgrenze verlässt und über die Hochebene wanderst, von der aus du einen atemberaubenden Blick zurück auf die Berge von O Cebreiro hast.
Der Pfad führt dich nun in die „Corredoiras“, jene tief in den Boden eingeschnittenen Hohlwege, die durch jahrhundertelange Nutzung von Mensch und Tier geformt wurden. Hier schließt sich das Blätterdach über dir wie ein grünes Gewölbe. Du hörst das ferne Echo eines Spechts, der im Takt deiner Schritte gegen eine alte Eiche klopft. Der Boden ist hier bedeckt mit einem Teppich aus Kastanienigeln und Moos, was jeden Schritt dämpft und eine fast unheimliche Stille erzeugt. Du fährst mit der Hand über die moosbewachsenen Steinmauern, die den Weg säumen, und spürst die Feuchtigkeit und die Kühle, die in diesem grünen Tunnel gespeichert sind. Psychologisch ist dies eine Phase der totalen Immersion; die Welt außerhalb dieses Waldes scheint aufgehört zu haben zu existieren. Du bist eins mit der Geografie, ein winziger Punkt in einem jahrtausendealten ökologischen Gefüge.
Samos – Solltest du dich jedoch für die Variante über Samos entschieden haben, umfängt dich eine völlig andere Atmosphäre. Der Weg folgt dem Rio Ouribio, dessen konstantes Plätschern eine beruhigende, fast hypnotische Wirkung entfaltet. Du hörst das Rauschen des Wassers, das über glatte Kiesel gleitet, und das Rascheln der Erlen am Ufer. Die Luft ist hier schwerer, gesättigt mit der Feuchtigkeit des Flusses und dem Duft von Minze und wilden Kräutern. Der Untergrund ist flacher, aber die ständige Nähe zum Wasser erzeugt eine haptische Frische auf deiner Haut. Du passierst kleine Weiler wie San Cristovo, wo die Zeit zu gerinnen scheint. Die historische Kausalität ist hier in den alten Mühlen am Flusslauf greifbar, die einst das Getreide für die Mönche von Samos mahlten. Jeder Schritt bringt dich tiefer in das Tal, das wie ein schützender Schoß die Geschichte Galiciens bewahrt.
Die Ankunft in Samos ist ein visueller und akustischer Schock. Plötzlich ragt das gewaltige Kloster vor dir auf, dessen Mauern so massiv sind, dass sie den Flusslauf zu dominieren scheinen. Du hörst das tiefe, sonore Schlagen der Klosterglocken, ein Klang, der seit über tausend Jahren den Rhythmus dieses Tales bestimmt. Du betrittst den monumentalen Kreuzgang, den größten in Spanien, und sofort ändert sich die Akustik. Deine Schritte auf dem glatten Granitboden hallen hohl und ehrfürchtig wider. Der Geruch von Weihrauch, altem Papier und feuchtem Stein liegt schwer in der Luft. Du fährst mit den Fingern über die kühlen Säulen des Kreuzgangs, spürst die feinen Meißelspuren mittelalterlicher Steinmetze. Psychologisch ist dieser Ort ein Ankerpunkt; die Hektik des Alltags und die Anstrengung des Gehens verblassen angesichts der Ewigkeit, die diese Mauern ausstrahlen. Du sitzt in der Stille der Klosterkirche, hörst vielleicht das ferne Murmeln der Mönche bei ihrem Stundengebet und spürst eine tiefe, innere Ruhe, die dich für den Rest des Tages tragen wird.
Hinter Samos führt der Weg dich wieder hinauf in die Hügel. Der Übergang vom sakralen Raum zurück in die Natur ist haptisch spürbar. Der Asphalt der Straße weicht wieder weicheren Waldwegen. Du passierst die Kapelle von San Salvador, die im Schatten einer uralten, gewaltigen Zypresse steht. Du spürst die raue Rinde dieses Baumes, der laut Legende schon seit tausend Jahren hier wacht. Die Luft wird hier wieder offener, windiger. Der Geruch von Eukalyptus mischt sich nun unter die Eichenaromen, ein Zeichen dafür, dass du dich Sarria näherst. Du hörst das ferne Rauschen der Nationalstraße, ein akustisches Signal für das nahende Ende der Einsamkeit. Die psychologische Metamorphose des Pilgers wird hier deutlich: Du bereitest dich innerlich auf die Massen vor, suchst aber noch einmal die Nähe der Bäume, um die Ruhe des Vormittags in dir zu speichern.
Aguiada – Bei Aguiada treffen beide Routen wieder zusammen. Die Wege verschmelzen, und mit ihnen die Pilgerströme. Du hörst nun wieder vermehrt die Stimmen anderer Wanderer, das Klappern von Geschirr aus den ersten Bars am Wegesrand. Der Boden unter deinen Füßen ist nun fest und oft asphaltiert, was die Fußsohlen nach den weichen Waldpfaden wieder stärker beansprucht. In den Vororten von Sarria passierst du moderne Industriebauten und Wohnhäuser, die in krassem Kontrast zur archaischen Welt von San Xil oder Samos stehen. Der Geruch von Abgasen und Asphalt drängt sich in dein Bewusstsein, ein olfaktorischer Vorbote der urbanen Welt. Du spürst die Vibration der Stadt unter deinen Sohlen, ein unruhiges Zittern, das die Erwartung auf das logistische Zentrum Sarria steigert.
Sarria – Der Einzug in Sarria selbst ist geprägt von einer harten, urbanen Ästhetik. Du durchquerst das moderne Viertel, überquerst die Schienen der Eisenbahn und folgst der Rúa Peregrino. Der Boden ist hier unnachgiebig, jeder Schritt auf dem harten Gehweg erinnert dich an die Distanz, die du heute zurückgelegt hast. Du hörst das geschäftige Treiben der Stadt, das Hupen der Autos und das Lachen der Touristen, die hier in Sarria ihre Reise beginnen. Der Geruch von frischem Kaffee und gegrillten Empanadas weht aus den unzähligen Bars herüber. Psychologisch ist dies ein Moment der Reizüberflutung. Du kommst aus der Stille der Corredoiras oder der klösterlichen Andacht und wirst schlagartig in die Realität des modernen Massentourismus katapultiert. Es ist eine emotionale Herausforderung, die eigene Mitte zu bewahren, während die Umgebung schreiend laut wird.
Der Weg führt dich schließlich hinauf in die Oberstadt von Sarria, zur Rúa Maior. Der Aufstieg über die steilen Treppen fordert ein letztes Mal deine Oberschenkel. Oben angekommen, stehst du vor der Kirche Salvador. Du spürst den warmen Stein der Kirchenmauer unter deinen Händen, während du auf die Stadt hinunterschaust. Der visuelle Kontrast zwischen der mittelalterlichen Oberstadt und dem modernen Sarria im Tal ist faszinierend. Du hörst das Echo deiner Schritte in den engen, kopfsteingepflasterten Gassen, ein hohler Klang, der an die Tage in Triacastela erinnert. Der Geruch von altem Stein und Weihrauch kehrt hier zurück, vermischt mit dem Duft von Rotwein aus den umliegenden Tabernas. Du bist am Ziel der Etappe angekommen, an einem Ort, der wie kein anderer den Wandel des Jakobsweges repräsentiert.
In der Dämmerung von Sarria verändert sich die Wahrnehmung erneut. Die Türme der Festung und die Klostermauern von La Magdalena werfen lange Schatten über die Gassen. Die Luft wird kühler, und du spürst die Müdigkeit tief in deinen Knochen. Die haptische Erfahrung deiner Ausrüstung – die rauen Gurte deines Rucksacks, die festen Schnürsenkel deiner Schuhe – fühlt sich nun an wie eine vertraute Last, die du mit Stolz trägst. Du hörst das vielstimmige Gemurmel der Pilger in der Rúa Maior, ein babylonisches Sprachengewirr, das die Internationalität des Weges unterstreicht. Psychologisch ist dies der Abend der großen Inventur. Du hast heute die Wahl gehabt und die Konsequenzen getragen. Ob Samos oder San Xil – beide Wege haben dich hierhergeführt, an die Schwelle der letzten 100 Kilometer.
Die Reflexion am Abend, während du in einer der Bars an der Rúa Maior sitzt und ein Glas Ribeiro trinkst, ist von einer leisen Melancholie geprägt. Du blickst auf die ankommenden Massen derer, die erst hier starten, und erkennst den Wert deiner eigenen, langen Reise. Das Gefühl der Erschöpfung ist gepaart mit einer tiefen inneren Ruhe, die du aus der Stille des Morgens mitgebracht hast. Die Geräusche der Stadt, das ferne Rauschen des Verkehrs und das Lachen der Menschen verschmelzen zu einem Soundtrack des Ankommens. Der Geruch von feuchtem Granit und der kühle Wind, der durch die Gassen streicht, begleiten dich in den Schlaf. In diesem Moment der Stille, bevor der Trubel von Sarria dich ganz einnimmt, weißt du: Du hast die letzte Etappe der Ruhe gemeistert. Morgen beginnt ein neues Kapitel, laut, bunt und voller Energie, aber die Stille von San Xil und die Andacht von Samos trägst du als unzerstörbaren Schatz in dir.
Die Nacht in Sarria ist geprägt von der Vorfreude und der Ungewissheit. Du liegst im Bett der Herberge, hörst das Knarren des alten Holzgebälks und das leise Atmen deiner Mitpilger. Das haptische Gefühl des weichen Lakens auf deiner Haut ist ein seltener Luxus. Du erinnerst dich an das Gefühl des kühlen Granits im Kreuzgang von Samos und an das Rauschen der Blätter in den Corredoiras. Psychologisch hast du heute eine wichtige Grenze überschritten. Sarria ist das Tor zum Finale. Die historische Kausalität deiner Schritte hat dich sicher durch die Gabelung geführt, und egal, welchen Pfad du gewählt hast, er hat dich gestärkt für das, was jenseits der Stadtgrenzen auf dich wartet. Die Sterne des Camino leuchten über Sarria, und du bist nun bereit, das letzte Teilstück deiner epischen Reise anzutreten.
Einkehr, Übernachtung & Versorgung
Die Versorgungslage auf dieser Etappe ist ein Paradebeispiel für die hervorragende Infrastruktur in Galicien. Wer die Route über San Xil wählt, findet in fast jedem Weiler (San Xil, Montán, Furela, Pintín) kleine, charmante Einkehrmöglichkeiten, die oft direkt am Weg liegen. Besonders in Pintín laden urige Bars mit schattigen Terrassen zur Rast ein, wo man sich mit regionalen Spezialitäten wie Empanada oder Caldo Gallego stärken kann. Auf der Samos-Route ist das Klosterstädtchen selbst der Dreh- und Angelpunkt. Hier gibt es zahlreiche Cafés, Restaurants und kleine Läden, die alles bieten, was das Pilgerherz begehrt. Es ist ratsam, in Samos eine ausgiebige Pause einzulegen, um die spirituelle Atmosphäre des Ortes aufzusaugen, bevor man die letzten 12 Kilometer nach Sarria in Angriff nimmt.
Bezüglich der Übernachtung bietet Sarria eine schier unendliche Auswahl, da es der Startpunkt für die Mehrheit aller Jakobspilger ist. Von der historischen Herberge im Kloster La Magdalena am oberen Ende der Stadt bis hin zu modernen, privaten Albergues und Hotels in der Rúa Maior findet jeder Wanderer seine passende Unterkunft. Wer die Stille bevorzugt, sollte versuchen, in den kleineren Weilern vor Sarria oder direkt im Monasterio de Samos unterzukommen. Die klösterliche Herberge in Samos bietet ein einzigartiges Erlebnis von Einfachheit und spiritueller Tiefe, das man so nur selten auf dem Camino Francés findet. In Sarria selbst ist in der Hochsaison eine Reservierung dringend zu empfehlen, da die Stadt oft aus allen Nähten platzt.
Gastronomie: In Samos bietet das Restaurant „A Veiga“ exzellente regionale Küche mit Blick auf den Fluss. In Sarria ist die Rúa Maior das kulinarische Zentrum mit zahlreichen Tapas-Bars.
Übernachtung: Das Monasterio de Samos bietet eine authentische klösterliche Herberge. In Sarria ist die Albergue Paloma y Leña für ihre familiäre Atmosphäre bekannt.
Öffentliche Einrichtungen: Sarria verfügt über alle modernen Annehmlichkeiten: Apotheken, Banken, Postämter und ein medizinisches Zentrum direkt im Ortskern.
Das Besondere heute
Das herausragende Merkmal dieses Tages ist zweifellos das Monasterio de San Julián de Samos. Als eines der ältesten und bedeutendsten Klöster Spaniens ist es ein architektonisches Palimpsest der Jahrhunderte. Die Mischung aus Romanik, Gotik, Renaissance und Barock erzählt die Geschichte des christlichen Abendlandes auf engstem Raum. Der Kreuzgang des Feijoo, einer der größten seiner Art, beeindruckt durch seine monumentale Schlichtheit, während die barocke Fassade der Klosterkirche den Reichtum und die Macht der Benediktinerabtei widerspiegelt. Für den Pilger bietet Samos einen Ort der tiefen historischen Kausalität; man wandelt in den Fußstapfen von Gelehrten, Königen und Heiligen, die hier über 1500 Jahre lang Schutz und Erleuchtung suchten.
Ein weiteres besonderes Element sind die „Corredoiras“ auf der San-Xil-Route. Diese uralten Hohlwege sind mehr als nur Pfade; sie sind haptische Zeugnisse der jahrtausendelangen Nutzung des Landes. Die tief in das Erdreich und den Fels eingeschnittenen Wege wirken wie natürliche Zeittunnel, die den Wanderer von der modernen Welt abschirmen. Die moosbewachsenen Steinmauern und das dichte Blätterdach aus Kastanien und Eichen schaffen ein Mikroklima, das die Sinne beruhigt und die Konzentration auf das Wesentliche fördert. In diesen Hohlwegen spürt man die physische Verbindung zu den Millionen von Füßen, die vor einem diesen Weg gegangen sind, ein kollektives Gedächtnis, das in jedem Stein und jeder Wurzel gespeichert ist.
Schließlich ist die psychologische Bedeutung von Sarria als „Schwelle“ hervorzuheben. Es ist der Ort, an dem sich die Identität des Pilgerweges radikal verändert. Für den Langstreckenpilger ist Sarria oft ein Ort des Kulturschocks, an dem die mühsam aufgebaute innere Stille durch die Energie der neuen Massen auf die Probe gestellt wird. Diese Transformation der sozialen Dynamik macht die Etappe zu einer wichtigen Lektion in Toleranz und Selbstbehauptung. Man lernt, den eigenen Weg im Inneren weiterzugehen, auch wenn die äußeren Umstände lauter und geschäftiger werden. Sarria ist somit nicht nur ein geografisches Ziel, sondern ein mentaler Prüfstein, der den Pilger auf die finalen 100 Kilometer vorbereitet.
Reflexion am Etappenende
Wenn du am Abend auf den Mauern der Oberstadt von Sarria sitzt und beobachtest, wie die Lichter im Tal angehen, stellt sich eine tiefe, satte Ruhe ein. Die Entscheidung des Morgens – San Xil oder Samos – ist längst Geschichte, und was bleibt, ist die Erfahrung der gewählten Route. Die Reflexion des heutigen Tages zeigt dir, dass es auf dem Camino keine falschen Entscheidungen gibt, sondern nur unterschiedliche Wege zur selben Erkenntnis. Die Stille der Hohlwege oder die Andacht im Kloster haben dir gleichermaßen gezeigt, dass die wahre Reise im Inneren stattfindet, unabhängig von der Distanz oder der Anzahl der Menschen um dich herum.
Du spürst, dass Sarria der Beginn des Endspurts ist. Die historische Kausalität deines gesamten Weges bündelt sich in diesem Moment. Du hast die Pyrenäen, die Rioja und die Meseta hinter dir gelassen und stehst nun an der Schwelle zum Ziel. Die Erschöpfung in deinen Gliedern ist eine vertraute Gefährtin geworden, und das Wissen um deine eigene Ausdauer gibt dir eine unerschütterliche Sicherheit. In der Stille der Nacht, wenn das ferne Gemurmel der neuen Pilger langsam verstummt, weißt du: Du bist bereit für die finalen 100 Kilometer. Der Weg hat dich heute mit seiner Vielfalt beschenkt, und Sarria ist der Ankerpunkt, an dem du deine Kräfte für das große Finale sammelst.
Camino der Sterne
Diese Etappe liegt auf dem Camino Francés, auf der Etappe von Triacastela bis Sarria. Die Abfolge der Orte lautet:
| Etappe | Start | Ziel | Distanz (km) | Höhenmeter | Schwierigkeit | Zwischenorte |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 27 | Triacastela | Sarria | 18,3 / 24,7 | ↑ 350 / ↓ 430 | mittel | San Xil / Samos → Montán → Furela → Pintín → Aguiada → Sarria |
Hast du an der Gabelung in Triacastela gezögert oder wusste dein Herz sofort, ob es die Stille der Wälder oder die Tiefe des Klosters sein muss? War Sarria für dich ein Schock oder die willkommene Rückkehr in das Leben? Teile deine Geschichte von dieser Gabelung der Seelen mit uns – deine Worte sind die Sterne, die anderen Pilgern das Licht auf ihrem Pfad weisen.
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