Ein erster Blick – Einstieg & Stimmung
Wenn du Negreira hinter dir gelassen hast und der Weg dich durch die dichten, fast schon hypnotisch duftenden Eukalyptuswälder Galiciens nach oben geführt hat, erreicht dein Körper jenen Zustand, in dem der Rhythmus des Gehens eins wird mit dem Herzschlag der Erde. Du trittst aus dem Schatten der Bäume hervor, die Luft weitet sich, und plötzlich liegt es vor dir: Vilaserío. Dieser winzige Weiler, tief eingebettet in die sanften, aber unnachgiebigen Hügel der Comarca Barcalesa, empfängt dich mit einer archaischen Ehrlichkeit, die dich sofort gefangen nimmt. Es ist ein Ort, der nicht durch Prunk besticht, sondern durch seine schiere, granitene Existenz. Hier, etwa auf halber Strecke zwischen Negreira und Santa Mariña, scheint die Zeit eine völlig andere Konsistenz zu besitzen – sie fließt nicht, sie verweilt in den tiefen Ritzen der uralten Steinmauern.
Die auditive Kulisse von Vilaserío ist ein Meisterwerk der ländlichen Stille. Du hörst das ferne, metallische Läuten von Kuhglocken, das wie ein beruhigendes Mantra über die grünen Weiden schwingt. Dazwischen mischt sich das leise Wispern des Windes, der die Feuchtigkeit des nahen Atlantiks heranträgt und in den Kronen der vereinzelten Eichen raschelt. Wenn du den Weiler betrittst, wird das Klackern deiner Wanderstöcke auf dem rauen Asphalt oder dem schiefrigen Boden zum einzigen Taktgeber einer Welt, die sich weigert, dem Tempo der Moderne zu folgen. Es ist eine Stille, die nicht leer ist, sondern erfüllt von der Geschichte der Arbeit und des ständigen Kommens und Gehens der Pilger.
Die Luft in Vilaserío besitzt eine ganz eigene Olfaktorik. Es riecht nach feuchter Erde, nach dem herben Aroma von Farnen und Ginster, und – ganz charakteristisch für diese Region – nach dem süßlichen, würzigen Duft von brennendem Eichenholz, der aus den geduckten Schornsteinen der Bauernhäuser steigt. Manchmal mischt sich der Geruch von frisch gemähtem Gras darunter, eine Note von unbändiger Vitalität. Die Haptik des Ortes ist geprägt von der Rauheit des Granits. Wenn du deine Hand auf eine der alten Mauern legst, spürst du die kühle Unnachgiebigkeit des Steins, der seit Jahrhunderten den atlantischen Stürmen trotzt. Vilaserío ist ein haptisches Gebet aus Stein, Moos und Licht, das dich einlädt, den Rucksack für einen Moment abzusetzen und die Schwere deines eigenen Seins der Erde anzuvertrauen.
Psychologisch markiert Vilaserío den Punkt der endgültigen Loslösung. Santiago ist nun weit genug entfernt, dass der Trubel der Kathedrale nur noch eine ferne Erinnerung ist. Hier, in der Schlichtheit dieses Dorfes, bist du ganz bei dir selbst und der Natur. Es gibt keine Ablenkung, keine glitzernden Schaufenster, nur die Weite des Horizonts und die Gewissheit, dass jeder Schritt dich näher an das Ende der Welt führt. Wenn die Mittagssonne die grauen Fassaden in ein gleißendes Silber taucht oder der feine galicische Nebelregen – der mystische orballo – alles in ein diffuses, weiches Licht hüllt, begreifst du die tiefe Melancholie und gleichzeitig die unglaubliche Kraft dieses Landstriches. Vilaserío ist die steinerne Oase, die dir zeigt, dass das Wesentliche oft im Unscheinbaren liegt.
Was dieser Ort erzählt
Die Geschichte von Vilaserío ist eine Chronik der Beständigkeit und der Anpassung. Als Teil der Parroquia San Pedro de Bugallido ist dieser Ort seit dem Mittelalter ein fester Ankerpunkt für jene, die den beschwerlichen Weg nach Fisterra wagten. Ursprünglich als eine Ansammlung von Bauernhöfen entstanden, die den fruchtbaren Boden der Barcala-Senke nutzten, entwickelte sich Vilaserío zu einem unverzichtbaren Rastpunkt. Die historischen Wurzeln reichen tief in eine Zeit, in der Galicien ein Flickenteppich aus kleinen Herrschaftsgebieten und kirchlichen Ländereien war. Hier oben, auf dem Hochplateau, war das Leben hart und von der Landwirtschaft geprägt, doch die Lage direkt am Pilgerweg verlieh dem Ort eine Bedeutung, die weit über seine Größe hinausging.
Ein zentrales Element der Erzählung von Vilaserío sind seine Hórreos. Diese traditionellen Getreidespeicher, die wie kleine Kathedralen des täglichen Überlebens auf ihren pilzförmigen Steinstützen thronen, sind in Vilaserío in einer besonders authentischen Form erhalten. Sie erzählen von einer Zeit, in der Wohlstand nicht in Gold, sondern in Mais und Getreide gemessen wurde, geschützt vor der allgegenwärtigen Feuchtigkeit und den Nagetieren. Jeder dieser Speicher ist ein Zeugnis bäuerlicher Ingenieurskunst und tiefer Volksfrömmigkeit, oft gekrönt von steinernen Kreuzen, die den Segen Gottes auf die Ernte herabrufen sollten. In Vilaserío stehen diese Bauten nicht als Museumsstücke, sondern als aktive Symbole einer Lebensweise, die sich trotz aller Veränderungen ihren Kern bewahrt hat.
Die historische Kausalität des Ortes ist untrennbar mit der Topografie verbunden. Der Aufstieg von Negreira herauf forderte den Pilgern schon immer alles ab, und Vilaserío war der Ort, an dem die erste große Erschöpfung des zweiten Tages nach Santiago einer tiefen Erleichterung wich. In den Archiven der Gemeinde wird der Ort oft als „Refugium“ beschrieben. Während der napoleonischen Kriege und der inneren Unruhen Spaniens im 19. Jahrhundert blieb Vilaserío aufgrund seiner abgeschiedenen Lage oft verschont, was dazu führte, dass die Bausubstanz aus massivem Granit über Generationen hinweg fast unverändert blieb. Wenn du heute durch die einzige Hauptstraße wanderst, berührst du Steine, die schon Pilger im 15. Jahrhundert sahen – ein Gedanke, der die eigene Reise in einen größeren, zeitlosen Kontext stellt.
Doch Vilaserío erzählt auch von der modernen Transformation Galiciens. In den letzten Jahrzehnten erlebte der Weiler eine Wiedergeburt durch die Renaissance des Camino. Alte Stallungen wurden mit viel Liebe zum Detail in Herbergen verwandelt, ohne das architektonische Erbe zu verraten. Diese Symbiose aus mittelalterlicher Struktur und moderner Gastfreundschaft prägt das heutige Gesicht des Ortes. Es ist die Geschichte einer Gemeinschaft, die erkannt hat, dass ihre Identität ihr wertvollstes Gut ist. In Vilaserío begegnen sich der Bauer, der morgens seine Kühe auf die Weide treibt, und der Wanderer aus einer fernen Metropole auf Augenhöhe. Der Ort lehrt uns, dass Heimat dort ist, wo man willkommen geheißen wird – und sei es nur für eine kurze Rast unter einem weiten Himmel.
Die spirituelle Dimension von Vilaserío findet sich in der kleinen Kirche San Pedro, die im Herzen des Weilers wacht. Sie ist ein schlichter Bau, der die asketische Schönheit des galicischen Hinterlandes widerspiegelt. Hier suchten Generationen von Bewohnern und Reisenden Trost und Kraft. Die Legenden der Region sprechen oft von den „Meigas“, den galicischen Hexen, die in den Nebeln der umliegenden Wälder hausen sollen, und von der schützenden Kraft der Heiligen. In Vilaserío vermischt sich der christliche Glaube organisch mit uralten, heidnischen Traditionen, was dem Ort eine fast mystische Aura verleiht. Wenn der Wind durch die schmalen Gassen pfeift, meint man fast, das Flüstern der Vergangenheit in den Steinen zu hören.



Camino-Distanzen
Nach dem kräftezehrenden Aufstieg aus dem Tal des Río Tambre bietet Vilaserío die erste echte Gelegenheit, die Beine hochzulegen und die Vorräte zu ergänzen.
| Vorheriger Ort | Distanz (km) | Nächster Ort | Distanz (km) |
|---|---|---|---|
| Negreira | ca. 12,7 km | Santa Mariña | ca. 8,1 km |
Übernachten & Ankommen
In Vilaserío anzukommen bedeutet, die Welt der großen Städte endgültig gegen die Geborgenheit eines winzigen Refugiums einzutauschen. Das Ankommen hier ist ein zutiefst sensorischer Prozess. Wenn du die schwere Tür der städtischen Albergue oder einer der privaten Unterkünfte aufstößt, empfängt dich oft die kühle, schützende Atmosphäre dicker Granitwände. Das metallische Klicken deines Rucksackschnallens ist das Signal für eine wohlverdiente Pause. In der städtischen Herberge, die in einem funktionalen, aber harmonisch integrierten Bau untergebracht ist, herrscht eine Atmosphäre der puristischen Pilgergemeinschaft. Hier teilt man sich nicht nur den Raum, sondern auch die Erlebnisse des Aufstiegs, während die dampfenden Wanderschuhe vor der Tür ein stummes Zeugnis der Anstrengung ablegen.
Ein besonderes Juwel der Beherbergung in Vilaserío ist die Albergue O Rueiro. Dieses Haus ist mehr als nur eine Schlafstelle; es ist ein emotionaler Ankerpunkt am Weg. In den restaurierten Räumen vermischt sich der Geruch von frischem Holz mit der Wärme der Gastfreundschaft. Wenn du dich am späten Nachmittag auf die Terrasse setzt, die Beine ausgestreckt und ein kühles Getränk in der Hand, beobachtest du, wie die Sonne langsam die umliegenden Hügel in ein weiches, goldenes Licht taucht. Die Haptik der sauberen Laken und die funktionale Schlichtheit der Ausstattung sind genau das, was der Körper nach über zwölf Kilometern Bergaufwandern braucht. Hier wird das Ankommen zu einem Akt der Selbstfürsorge, fernab von jedem unnötigen Luxus.
Das psychologische Erleben des Abends in Vilaserío ist geprägt von einer tiefen, erdigen Zufriedenheit. Da der Ort so klein ist, gibt es keine „Sightseeing-Pflicht“. Deine einzige Aufgabe besteht darin, da zu sein, zu atmen und die Regeneration zuzulassen. Das soziale Gefüge in den Herbergen ist in Vilaserío oft intensiver als an den großen Knotenpunkten. In der kleinen Gemeinschaftsküche entstehen Gespräche, die tiefer gehen, weil die Umgebung keine Flucht in den Konsum zulässt. Man spricht über Blasen, über Gott, über die Sehnsucht nach dem Meer und über das einfache Glück eines weichen Kissens. In der Nacht, wenn nur noch das ferne Rauschen des Windes zu hören ist, bietet Vilaserío einen Schlaf von einer Qualität, wie ihn nur die absolute Stille des Landes schenken kann.
Für jene, die eine noch persönlichere Atmosphäre suchen, bieten die kleinen Pensionen des Ortes ein Refugium der Ruhe. Oft sind es Familienbetriebe, in denen du nicht als Nummer, sondern als Mensch wahrgenommen wirst. Ein kurzes Nicken der Herbergseltern, ein zusätzliches Kissen oder ein heißer Tee im richtigen Moment – es sind diese kleinen Gesten, die den Aufenthalt in Vilaserío veredeln. Die Architektur der Schlafräume, oft mit sichtbaren Holzbalken und Blick auf die Gärten, vermittelt ein Gefühl von zeitloser Sicherheit. Man fühlt sich wie ein Teil der jahrhundertealten Kette von Wanderern, die hier Schutz vor der Nacht suchten. Vilaserío ist der Ort, an dem du lernst, dass ein Dach über dem Kopf und ein freundliches Gesicht alles sind, was man wirklich zum Glücklichsein braucht.
Wenn der Morgen in Vilaserío anbricht, beginnt ein neues Kapitel des Ankommens – das Ankommen im neuen Tag. Wenn der Nebel noch tief in den Tälern hängt und die ersten Pilger ihre Rucksäcke packen, herrscht eine fast feierliche Stimmung. Das rhythmische Verzurren der Gurte und das leise Flüstern in der Morgendämmerung sind die ersten Klänge des Aufbruchs. Man verlässt Vilaserío nicht einfach; man nimmt ein Stück seiner unerschütterlichen Ruhe mit auf den Weg. Die Herberge fungiert hier als eine Art psychologische Schleuse, die dich gestärkt und geläutert in die weite Landschaft der Terra de Xallas entlässt. Wer hier übernachtet, begreift Vilaserío als einen Kraftort, der seine Energie aus der Einfachheit und der Authentizität seiner Mauern bezieht.
Essen & Trinken
Die kulinarische Welt von Vilaserío ist eine Liebeserklärung an das galicische Hinterland. Hier findest du keine prätentiöse Fusionsküche, sondern ehrliche, kraftvolle Gerichte, die nach Erde, Arbeit und Tradition schmecken. Das gastronomische Zentrum des Weilers ist zweifellos das Restaurant O Rueiro. Wenn du den Gastraum betrittst, umfängt dich sofort der wohlige Duft von frisch zubereiteter Empanada und dem legendären Caldo Galego. Ein Pintxo hier ist kein filigranes Häppchen, sondern eine handfeste Energiequelle: ein dickes Stück hausgemachte Tortilla oder eine Scheibe krustiges Brot mit lokalem Käse. Die Haptik des Essens ist hier entscheidend – man spürt die Dichte des Brotes und die Cremigkeit der Kartoffeln, die direkt von den umliegenden Feldern stammen.
Ein absolutes Highlight für jeden hungrigen Wanderer ist das Pilgermenü in Vilaserío. In den großen Schüsseln dampft oft ein Eintopf, der über Stunden sanft auf dem Herd köchelte. Der Geschmack des Caldo Galego, mit seinem kräftigen Kohl, den sämigen Bohnen und der rauchigen Note des galicischen Specks, ist wie eine Umarmung für den Magen. Dazu reicht man oft einen einfachen, aber ehrlichen Rotwein aus der Region, der nach dunklen Beeren und Schiefererde schmeckt. Man sitzt an den schweren Holztischen, das Klappern der Löffel und das vielstimmige Murmeln der Pilger bilden die perfekte akustische Untermalung für dieses Ritual der Sättigung. In Vilaserío schmeckt man die Freiheit und die Herbe Galiciens in jedem Bissen.
Auch für den süßen Abschluss ist gesorgt. Oft wird ein hausgemachter Flan oder ein Stück Tarta de Santiago serviert, deren Mandelgeschmack perfekt mit dem starken, dunklen Café Solo harmoniert. Es ist diese Kombination aus rustikaler Hauptspeise und süßem Trost, die den Aufenthalt kulinarisch abrundet. Wer in Vilaserío isst, tut dies mit einer Dankbarkeit, die in den Touristenrestaurants der großen Städte oft verloren geht. Die Portionen sind großzügig, denn man weiß hier, was ein Körper braucht, der gerade den Aufstieg von Negreira hinter sich hat. Es ist eine Gastronomie der Empathie, die den Gast als Bruder oder Schwester auf dem Weg begreift.
Für die Selbstversorger bietet Vilaserío die Möglichkeit, in den Herbergsküchen einfache Mahlzeiten zuzubereiten. Der lokale Honig, den man oft direkt von den Bauern erwerben kann, ist ein energetisches Wunderwerk. Er schmeckt intensiv nach Heidekraut und Eukalyptusblüten, eine goldene Essenz der galicischen Wildnis. Wenn du diesen Honig auf ein Stück frisches Brot streichst, während draußen der Regen gegen die Scheiben trommelt, erlebst du einen Moment purer, unverfälschter Lebensfreude. In Vilaserío wird Essen nicht konsumiert; es wird zelebriert als die Kraftquelle, die dich über die nächsten Hügel tragen wird. Es ist die Kulinarik des Wesentlichen, die dich hier nährt und inspiriert.
Versorgung & Logistik
Logistisch gesehen ist Vilaserío ein Ort der klugen Reduktion. Erwarte hier keine glitzernden Supermärkte, aber verlasse dich darauf, dass das Notwendigste vorhanden ist. Der Weiler fungiert als wichtiger Hub zwischen Negreira und Olveiroa. In der Bar O Rueiro oder in der Herberge findest du oft eine Auswahl an Basisprodukten: Wasser, Energieriegel, Obst und vielleicht ein paar Blasenpflaster für den Notfall. Es ist eine Versorgung der kurzen Wege, bei der man oft direkt mit den Menschen spricht, die die Waren bereitstellen. Diese persönliche Ebene der Logistik verleiht dem Aufenthalt eine menschliche Wärme, die in großen Versorgungszentren oft fehlt.
Die medizinische Versorgung beschränkt sich auf eine gut bestückte Erste-Hilfe-Ausrüstung in den Unterkünften. Sollte es wirklich ernsthafte Probleme geben, ist die Solidarität im Dorf groß; man kennt die Telefonnummern der Taxis und Ärzte im nahegelegenen Negreira. Wer spezialisierte Medikamente benötigt, sollte diese unbedingt aus Negreira mitgebracht haben. Die Versorgung mit digitaler Anbindung ist in Vilaserío überraschend gut – das WLAN in den Herbergen erlaubt es, die Wetterberichte für die windige Hochebene von Mazaricos zu prüfen. Doch man sollte die logistische Infrastruktur auch nutzen, um den Kopf einmal komplett auszuschalten. Vilaserío ist der Ort, an dem man lernt, mit dem auszukommen, was man im Rucksack trägt.
Einkaufen: Es gibt keinen eigenständigen Supermarkt. Kleine Basissortimente für Pilger (Wasser, Snacks, Grundnahrungsmittel) sind in den Bars und Albergues erhältlich.
Gastronomie: Das Restaurant/Bar O Rueiro ist die zentrale Anlaufstelle für warme Mahlzeiten und Frühstück. Die Küche ist regional, kräftig und preiswert.
Übernachtung: Auswahl zwischen der städtischen Albergue (Xunta de Galicia) und privaten Herbergen wie O Rueiro. In der Hochsaison ist eine Reservierung für private Betten empfehlenswert.
Öffentliche Einrichtungen: Die kleine Kirche San Pedro und ein öffentlicher Brunnen mit Trinkwasserqualität am Wegesrand. Keine Banken oder Geldautomaten vor Ort – Bargeld aus Negreira mitbringen!
Zusammenfassend ist die Logistik in Vilaserío wie der Ort selbst: schlicht, funktional und ehrlich. Wer hierher kommt, hat den Luxus der großen Städte gegen die Freiheit der Landstraße getauscht. Die Versorgung in Vilaserío reicht völlig aus, um den Körper zu regenerieren und den Geist auf die kommenden Kilometer vorzubereiten. Es ist die Logistik des Minimalismus, die dich hier lehrt, den Wert eines jeden Apfels und eines jeden Glases Wasser neu zu schätzen. Du verlässt diesen Ort nicht nur versorgt, sondern auch bereichert um die Erkenntnis, wie wenig man eigentlich braucht, um zufrieden voranzuschreiten.
Nicht verpassen
Die Hórreo-Struktur von Vilaserío: Achte auf die verschiedenen Bauweisen der Getreidespeicher im Weiler. Sie sind lebendige Denkmäler galicischer Bauernkultur und bieten großartige Fotomotive vor dem Hintergrund der grünen Hügel.
Die Kirche San Pedro de Bugallido: Ein stiller Ort der Einkehr. Auch wenn sie klein ist, spiegelt sie die spirituelle Tiefe und die Bescheidenheit der Region wider. Ein Moment des Innehaltens in ihrem kühlen Inneren klärt den Geist.
Die Terrasse von O Rueiro am Abend: Wenn die Schatten der Bäume länger werden, ist dies der perfekte Ort, um die Gemeinschaft der Pilger zu spüren und den Tag bei einem Glas lokalem Wein ausklingen zu lassen.
Der Blick zurück nach Osten: Wenn du Vilaserío in Richtung Santa Mariña verlässt, dreh dich auf der Anhöhe noch einmal um. Der Blick über die Comarca Barcalesa zeigt dir die gewaltige Strecke, die du bereits bewältigt hast, und die Schönheit der galicischen Weite.
Geheimtipps und versteckte Orte
Abseits der Hauptstraße von Vilaserío, nur ein paar Schritte hinter den letzten Häusern in Richtung der Felder, verbirgt sich ein kleiner, fast vergessener Pfad, der zu einer alten Steinmauer führt. Hier, im Schatten einer mächtigen Eiche, findest du einen Ort der absoluten Isolation. Es ist ein Punkt, an dem die Natur das Sagen hat. Du kannst dich auf die kühlen Steine setzen und zusehen, wie der Nebel in den fernen Tälern tanzt. Nur das ferne Läuten der Kuhglocken und das Summen der Bienen in den Ginsterbüschen begleiten dich. Hier spürt man die „Morriña“ – jene galicische Sehnsucht – fast körperlich. Es ist ein idealer Ort, um Tagebuch zu schreiben oder einfach nur in die Unendlichkeit zu starren.
Ein weiterer fast unentdeckter Ort ist der kleine Bachlauf unterhalb des Weilers. Wenn du den offiziellen Weg für ein paar hundert Meter verlässt und den Tierspuren folgst, gelangst du an eine Stelle, an der das Wasser kristallklar über glattgeschliffene Granitplatten plätschert. Hier ist die Luft noch kühler und reiner, gesättigt vom Duft wilder Minze, die am Ufer wächst. Es ist eine natürliche Oase, die kaum ein Pilger sieht, der nur stur den gelben Pfeilen folgt. Das eiskalte Wasser an deinen Füßen zu spüren, ist die beste Therapie gegen die Hitze des Tages. In diesem versteckten Winkel zeigt sich Vilaserío von seiner wildesten und ursprünglichsten Seite.
Ein Geheimtipp für die Sinne ist die Beobachtung der Schwalben am späten Nachmittag. In Vilaserío scheinen sie besonders zahlreich zu sein. Wenn du dich still an eine der Hausmauern lehnst, kannst du ihre atemberaubenden Flugmanöver beobachten, während sie in der warmen Luft Insekten jagen. Ihre schrillen, lebendigen Rufe sind der Soundtrack des ländlichen Galiciens. Es ist ein Schauspiel von fragiler Schönheit, das dich daran erinnert, wie lebendig dieser scheinbar so stille Ort in Wirklichkeit ist. Manchmal sind es diese flüchtigen, fast unsichtbaren Momente, die den tiefsten Eindruck im Gedächtnis eines Wanderers hinterlassen.
Reflexionsmoment
Vilaserío stellt dir eine Frage, die dein Innerstes berührt: Wie viel Ballast schleppst du wirklich mit dir herum? Wenn du hier auf einer Granitbank sitzt und über die kargen Hügel blickst, wird dir die radikale Einfachheit des Lebens bewusst. Dieser Ort braucht keinen Pomp, um bedeutend zu sein – er ist bedeutend, weil er da ist, weil er Schutz bietet und weil er der Wahrheit des Bodens treu bleibt. In der Stille von Vilaserío spürst du, dass der Camino kein sportliches Ereignis ist, sondern ein Schälprozess. Schicht um Schicht fallen die Ansprüche der Zivilisation von dir ab, bis nur noch der Kern übrig bleibt: dein Atem, dein Schritt, dein Hunger und dein Ziel.
Vielleicht erkennst du hier, dass die Stille keine Leere ist, sondern ein Raum für Antworten. Wenn du morgen wieder aufbrichst, nimmst du die stoische Gelassenheit der Hórreos mit. Du begreifst, dass man nicht schnell sein muss, um anzukommen, sondern beständig. Vilaserío lehrt dich, dass jeder Aufstieg einen Moment der Ruhe braucht und dass wahre Größe oft in der Fähigkeit liegt, mit wenig zufrieden zu sein. Wenn du in der Nacht den Blick in den weiten Sternenhimmel über der Terra de Xallas richtest, fühlst du dich gleichzeitig klein und unendlich verbunden mit allem. Das ist das Geschenk von Vilaserío: die Erkenntnis, dass du genau dort bist, wo du hingehörst – mitten auf dem Weg zu dir selbst.
Camino der Sterne
Dieser Ort liegt auf dem Camino a Fisterra y Muxía, auf der Etappe von Negreira bis Olveiroa (CFM 2). Die Abfolge der Orte lautet:
Negreira → A Pena → Vilaserío → Santa Mariña → Maroñas → Ponte Olveira → Olveiroa
Hast du in der archaischen Ruhe von Vilaserío auch jenen Moment der tiefen Regeneration gespürt, der diesen Ort so besonders macht? Vielleicht hast du in der Herberge O Rueiro eine Geschichte gehört, die deinen Blick auf den Weg verändert hat, oder du hast zwischen den Hórreos ein Foto gemacht, das die Seele Galiciens einfängt? Teile deine persönlichen Eindrücke und Geheimtipps mit uns – in jeder Sprache, die dein Herz spricht. Deine Erfahrungen machen diesen kleinen, steinernen Halt für die nächsten Pilger noch lebendiger!