Wie der gefürchtetste Pirat Englands das Ende der Welt versöhnte
I. Die Atlantische Tragödie: Wenn der Krieg über das Kap hereinbricht
Es gibt Orte auf dieser Welt, an denen Geografie zum Schicksal wird. Kap Fisterra an der galizischen Costa da Morte – das antike Finis Terrae, das Ende der Welt – ist ein solcher Ort. Wer hier steht und auf die peitschende Gischt des Atlantiks blickt, versteht rasch, warum die Seefahrt des späten Mittelalters diesen Küstenstrich mit Ehrfurcht und Schrecken betrachtete. Um das Jahr 1400 war das Meer jedoch nicht nur eine Naturgewalt, sondern auch ein blutiger Kriegsschauplatz. Im Schatten des Hundertjährigen Krieges blühte das staatlich sanktionierte Freibeutertum.
Einer der effektivsten und unerbittlichsten Akteure dieser Epoche war Harry Paye. In seiner englischen Heimat Poole in der Grafschaft Dorset als patriotischer Seeheld und treuer Gefolgsmann des Hauses Lancaster verehrt, hallte sein Name an den iberischen Küsten wie ein Todesurteil wider. Die spanischen Chroniken jener Tage gruben ihn unter dem schauderhaften Namen „Arripaye“ in ihr Gedächtnis ein. Ausgerüstet mit königlichen Kaperbriefen Heinrichs IV. verwandelte Paye den Atlantikraum in seine persönliche Beutezone.
In den Jahren 1398 sowie 1404/1405 steuerten Payes Flottenverbände wiederholt Fisterra an. Das Ziel war keineswegs nur militärischer Natur. Die außerhalb des Ortskerns gelegene Kirche Santa María das Areas – die hochverehrte Endstation auf der Jakobuswallfahrt vor der notwendigen Um- und Rückkehr – wurde geplündert. Paye brannte Teile des Ortes nieder, erpresste Lösegelder und entwendete ein materiell wie religiös unschätzbar wertvolles Vortragekreuz aus dem Heiligtum. Ein Sakrileg, das sich tief in die kollektive Seele der Fisterraner einbrannte.
Doch das Mittelalter vergaß nicht. Die kastilische Krone antwortete mit unerbittlicher Härte: Im Spätsommer 1405 segelte eine kastilisch-französische Strafexpedition unter dem Kommando von Don Pero Niño direkt an die englische Südküste. In der Schlacht von Poole verbrannten die Eindringlinge die Lagerhäuser der Stadt; Payes eigener Bruder fiel im Häuserkampf. Die Chronik El Victorial (1436) hielt fest, was damals Gesetz war: Auge um Auge, Brandstiftung um Brandstiftung.
II. Die Verwandlung: Wenn aus Feinden Biertrinker werden
Spult man die Weltgeschichte nun um etwas mehr als sechs Jahrhunderte vor, verliert der atlantische Konflikt seine martialische Schärfe und weicht jenem feinsinnigen Humor, den man in Galizien Retranca nennt – einer Mischung aus Augenzwinkern, Skepsis und trockenem Witz.
Im Mai 2008 geschah das Unerwartete: Eine Fünf-Mann-Delegation der Poole Pirates reiste unter Führung des Vikars Bob Mason nach Galicien. Im Gepäck trugen die Engländer nicht etwa Waffen, sondern ein liebevoll gezimmertes Holz-Ersatzkreuz als symbolischen Pakt der Wiedergutmachung (Desagravio).
Das Versöhnungssymbol: In das Holz des Ersatzkreuzes eingearbeitet ist ein Metallfragment der Schiffsglocke der San Bartolomé – eines spanischen Armada-Schiffs, das 1597 vor der englischen Küste sank. Ein englischer Eichenbalken vereint mit spanischer Kriegsgruppe, heute friedlich im Castelo de San Carlos ausgestellt.
Beim Gegenbesuch im Jahr 2009 brachte es der Bürgermeister von Poole auf den Punkt:
«Niemals wieder werden wir Feinde sein, jetzt sind wir gute Freunde.»
Seit 2014 feiert Fisterra an jedem ersten Samstag im August das Encontro Pirata. Clever verknüpft mit der Festa do Longueirón – einem Fest zu Ehren der lokalen Schwertmuschel – verwandelt sich der Strand von A Ribeira in eine Kulisse, bei der Satiriker ihre wahre Freude gehabt hätten. Denn hier wird die Historie nicht etwa ehrfürchtig musealisiert, sondern mit Genuss parodiert.










III. Vox Populi: Die Stimmen aus dem Ort
Wie blickt das moderne Fisterra auf das bunte Spektakel, bei dem verkleidete Engländer friedlich neben einheimischen Muschelessern hocken? Ein Rundgang durch die Gassen offenbart ein herrliches Panorama galizischer Redelust.
1. Die Geburtsstunde am Tresen: Roberto Traba Velay Roberto Traba Velay, der geistige Vater des Festes und lokale „Arripaye“, erinnert sich schmunzelnd an den Anstoß vor etwa 15 Jahren. Der offizielle Rathausbesuch der Engländer sei schön gewesen – die eigentliche Diplomatie fand jedoch in seiner Bar statt:
„Nach dem offiziellen Akt kamen die Leute aus Poole zu mir in die Kneipe. Wir saßen da den ganzen Nachmittag bis spät in die Nacht bei Bier und Gesprächen. Im nächsten Jahr haben wir dann einfach spontan ein Piratenfest zur Muschelmesse erfunden.“
Über die Dramaturgie des heutigen Reenactments spricht Roberto mit liebevoller Ironie:
„Wir inszenieren einen Kampf um den Schatz, bei dem am Ende absolut jeder stirbt. Aber wir sind hier in Fisterra! Das wichtigste Fest des Jahres ist bei uns der Ostersonntag (Domingo de Resurrección). Also stehen bei unserem Piratenspektakel nach der Schlacht einfach alle Toten wieder von den Toten auf, umarmen sich und entrollen ein riesiges Transparent. Wir feiern keinen Raubüberfall. Wir feiern, dass wir uns 600 Jahre später nicht mehr die Köpfe einschlagen.“
2. Der Seemann und die Mythen: Gervasio (85) Auf den Bänken am Hafen sitzt Gervasio. Mit seinen 85 Jahren und einer Lebensgeschichte als Seemann auf internationalen Öltankern lässt er sich so leicht kein X für ein U vormachen. Er blickt mit einer Mischung aus Stolz und Amüsement auf das Treiben.
„Vom Piraten-Reenactment wusste hier erst keiner was. Aber als die Leute kapierten, worum es geht, haben wir es angepackt. Und heute verbindet uns eine echte Freundschaft mit den Engländern.“
Gervasio räumt im selben Atemzug gleich noch mit einer uralten bösen Nachrede auf, die man den Bürgern von Fisterra seit Jahrhunderten andichtete:
„Früher haben sie von außerhalb behauptet, wir in Fisterra würden Kühen Lichter an die Hörner binden, damit die Schiffe im Nebel auf die Felsen auflaufen und wir sie plündern können. Das war alles üble Nachrede! Für jedes Unglück im Kantabrischen Meer gab man einfach Fisterra die Schuld. Heute feiern wir eben Piraten – das passt doch!“
3. Der Pragmatiker vs. der Historische Skeptiker: Lalo O. & Luis B. Wie in jedem echten galizischen Dorf gibt es keinen Konsens ohne eine gepflegte Kontroverse. Am Straßenrand trifft man auf Lalo und Luis.
Lalo sieht das Spektakel vollkommen pragmatisch:
„Die Leute wollen einfach feiern! Es ist Sommer, die Sonne scheint, und das Piratenfest ist eine wunderbare Gelegenheit, die Menschen zusammenzubringen. Ich finde das genial.“
Sein Begleiter Luis hingegen schüttelt schmunzelnd, aber entschieden den Kopf. Für ihn ist das Piratenfest eine allzu wilde Verharmlosung der Geschichte – serviert mit einer gehörigen Portion historischer Kritik:
„Ich sehe das genau gegenteilig! Die echten Piraten kamen doch nicht aus der Bucht spaziert, sondern von draußen auf dem offenen Meer. Und sie kamen nicht für einen Theater-Gag oder einen Klönschnack hierher! Echte Piraten kamen, um zu rauben, zu töten und zu plündern. Und wer am Strand erschossen wird, steht danach nicht einfach wieder auf! Wenn man Geschichte schon nachstellt, sollte man es ernsthaft machen und nicht so ein Theater voller Blödsinn veranstalten.“
4. Das Miteinander: José Ramón Zwischen dem pragmatischen Feierwillen Lalos und der historischen Strenge von Luis fängt José Ramón die allgemeine Stimmung der Straße ein:
„Das Fest ist einfach schön. Es zieht so viele Menschen von außerhalb an, die sich hier ganz natürlich mit uns Einheimischen vermischen. Ich genieße diese Atmosphäre sehr.“
5. Das Herz und der Gaumen: Inmaculada („Mako“) Den fröhlichsten Schlusspunkt unter die Meinungen des Ortes jedoch setzt Inmaculada, die von allen nur „Mako“ genannt wird. Sie ist in Fisterra geboren, lebt heute in A Coruña, lässt es sich aber kein Jahr nehmen, für das Spektakel an die Küste zurückzukehren:
„Ich verpasse das Schwertmuschelfest (Longueiron) in keinem Jahr, denn ich amüsiere mich hier einfach königlich! Es ist eine wunderschöne Inszenierung, aber das Beste ist: Ich treffe all die Menschen wieder, die ich seit meiner Geburt kenne, zusammen mit Freunden und Gästen von außerhalb. Und eines muss ich noch sagen: Die Schwertmuscheln sind einfach umwerfend köstlich! Küsschen an alle!“
IV. Fazit: Wenn die Geschichte durch den Magen geht
Was bleibt von der Fehde zwischen Poole und Fisterra?
Harry Paye alias Arripaye raubte einst ein Altarkreuz und hinterließ brennende Hütten. Pero Niño antwortete mit Feuer an den Dockanlagen von Dorset. Sechshundert und Zwanzig Jahre später rauben die englischen Korsaren höchstens noch den besten Platz an der Strandbar, und die Fisterraner bewerfen sie nicht mit Kanonenkugeln, sondern bewirten sie mit Schwertmuscheln und kühlendem Ribeiro-Wein.
Dass manche Historienpuristen wie Luis dabei den Kopf schütteln, gehört zum galizischen Lokalkolorit wie der Nebel am Kap. Denn die wahre Kunst der Retranca besteht darin, das Schreckliche der Geschichte nicht zu leugnen, sondern es in ein Fest zu verwandeln, bei dem am Ende selbst die Toten wieder aufstehen, um gemeinsam anzustoßen, zu feiern, zu tanzen und sich für das nächste Jahr erneut zu verabreden.
V. Postskriptum: Der Blick des Forasteiro
Wenn man als Zugereister – als forasteiro – sein Zuhause an diesem magischen Ende der Welt gewählt hat, betrachtet man das buntscheckige Treiben mit einer ganz eigenen, stillen Faszination. Fisterra ist kein Ort, der Fremden voreilig schmeichelt; die Küste ist rau, der Ozean unerbittlich und die Menschen besitzen jene feine, prüfende Skepsis, die Jahrhunderte atlantischer Einsamkeit prägen. Doch wer hier lebt, begreift schnell das wahre Geheimnis der retranca: Sie ist das galizische Lebenselixier, das historische Narben heilt, indem man sie mit einem Augenzwinkern überschreibt.
Wenn die vermeintlichen englischen Invasoren am Strand von A Ribeira anlanden und Roberto das Wunder der maritimen Auferstehung inszeniert, sitze ich mit einem Kühlglas Ribeiro mitten unter meinen Nachbarn – zwischen Gervasios alten Seemannsgarnen, Luis herrlicher Unversöhnlichkeit und Makos ansteckendem Lachen. In genau diesem Moment spürt man es ganz deutlich: Hier, wo die Welt zu Ende ist und die Wege im Meer münden, bleibt selbst ein forasteiro nicht lange fremd. Und spätestens beim zweiten Teller Schwertmuscheln gehört man zumindest für den Moment, der sich aus dem Alltag so sehr abhebt, irgendwie dazu.